
L'oscar, London
Bei Londoner Luxushotels denkt man erst einmal ans ›The Ritz‹, ans ›Claridge's‹ oder ans ›Savoy‹. Zweifellos ikonische Häuser allesamt, auch weil es ihnen gelungen ist, einen individuellen Stil zu etablieren. Im Vorfeld unserer jüngsten Londonreise wurden wir – eher zufällig – auf ein Hotel aufmerksam gemacht, dem man das Zeug zu einem ähnlichen Klassiker zutraut: das ›L'oscar‹ zwischen Bloomsbury und Covent Garden, unweit von Soho, dem British Museum und dem West End.
Das Haus – es gehört zur Luxushotelgruppe »Michel Reybier Hospitality«, bekannt sind vor allem die ›La Réserve‹-Hotels – wirkt auf den ersten Blick recht unscheinbar. Doch das trügt. Schon der Name ist eine kleine Provokation: Oscar Wilde lässt grüßen, ebenso die große Welt des Theaters, der Literatur und des galanten Dandytums.
Untergebracht ist das Hotel in einem denkmalgeschützten Stück Londoner Stadtgeschichte: Aus einem ehemaligen Hauptquartier der britischen Baptistenkirche hat man einen Ort gemacht, an dem weltliche Freuden mit bemerkenswerter Lässigkeit zelebriert werden. Das Gebäude entstand in seiner heutigen Form zwischen 1901 und 1903 im sogenannten Edwardian Free Baroque nach Entwürfen des Architekten Arthur Keen.

Arts-and-Crafts-Einflüsse, geschnitztes Holz, Stuckdecken und Royal-Doulton-Terrakotten erzählen noch immer von seiner religiösen Vergangenheit. 2012 begann die aufwendige Restaurierung, 2018 eröffnete es schließlich als ›L'oscar‹.
Geografisch ist das Gebäude zwar mittendrin, und doch zieht es sich wie eine dunkel schimmernde Gegenwelt vom hektischen London zurück. Für diese zweite, wesentlich frivolere Hälfte seiner Persönlichkeit sorgte der französische Innenarchitekt Jacques Garcia. Er ließ die historische Substanz nicht etwa nüchtern restaurieren, sondern setzte ihr eine opulente Fantasiewelt entgegen: Pfauen und andere Vögel, Schmetterlinge, Samt, Spiegel, Messing, dunkle Hölzer, kräftige Farben und Gold – und natürlich Literatur als Leitmotiv. Mit 39 Zimmern und Suiten ist das ›L'oscar‹ ein kleines Hotel – und wirkt auch deshalb eher wie ein besonders exzentrisches Privathaus als wie ein klassischer Luxuspalast.
Im Bild: ein Teil der Rezeptionslounge

Die Standardzimmer – offiziell als Superior Room geführt – sind beachtliche 21 Quadratmeter groß, doch wir bekommen überraschend ein Upgrade auf eine »L'oscar Suite«. Sie misst stattliche 70 Quadratmeter und fühlt sich beinahe wie die Wohnung eines wohlhabenden Londoner Dandys an.
Jacques Garcia verzeichtet auf die heute so beliebte Hotelästhetik aus hellem Holz, beigefarbenem Stoff und einem dekorativen Zweig in der Vase – dieser Raum hat Charakter. Dunkle, satte Töne treffen auf Gold, schwere Stoffe auf geschnitzte Details, historische Elemente auf zeitgemäßen Komfort. Allein das Bett mit seinem raumhohen Kopfteil hat die Präsenz eines Bühnenbilds.
Natürlich gibt es das, was man im Luxussegment erwarten darf: Nespresso-Maschine, Minibar, WLAN und ein schickes Badezimmer. Doch das Schönste, der eigentliche Luxus, ist die auf pompöse Weise behagliche Atmosphäre: Man wohnt hier nicht nur, man hält sich gerne auf. Ein bisschen wie ein privates Boudoir, das zufällig an der Southampton Row gelandet ist.
Die Originalsubstanz – Eichenvertäfelungen, plastische Stuckarbeiten, alte Fenster und in unserem Fall sogar ein historischer Kamin aus Royal-Doulton-Terrakotta – ist dabei zentraler Bestandteil des Interieurs.

Das Badezimmer setzt die Dramaturgie fort: Marmor, eine freistehende Kupferwanne und eine großzügige Regendusche. Dazu Fußbodenheizung und luxuriöse Pflegeprodukte. Alles ist da. Interessant wird das Bad aber erst durch die Individualität, die es ausstrahlt.
Das Hotel selbst nennt die Suite einen Ort, an dem »history and theatre« ineinandergreifen. Das ist ausnahmsweise kein Marketingsatz, über den man die Augen verdreht – denn genau so fühlt sie sich an: wie ein fast bühnenhafter Raum zwischen aristokratischer Wohnung und Jacques-Garcia-Fantasie.

Wenn ein Hotel derart viel Energie in seine Zimmer und Suiten steckt, darf auch die Gastronomie nicht bloß Pflichtübung sein. Das Restaurant im ›L'oscar‹ ist denn auch eine weitere »Bühne« des Hauses: vergoldete Flächen, Kunst und tiefe, kräftige Farbtöne bestimmen das Bild, im Hintergrund eine bernsteinfarbene Onyx-Bar. Die verspiegelte Decke verleiht dem Ganzen eine surreale Note.
Tagsüber gibt sich der Raum vergleichsweise britisch-bürgerlich: Frühstück, Lunch, Afternoon Tea. Später wird es internationaler. Die aktuelle Küche verbindet europäische Gerichte mit Einflüssen der japanisch-peruanischen Nikkei-Küche – wir konnten es diesmal nicht ausprobieren, aber es als durchaus zeitgemäßes Konzept gibt es dem historischen Ambiente einen Gegenwartsimpuls. Das ist wichtig, denn ein Hotel wie ›L'oscar‹ liefe sonst schnell Gefahr, in ästhetischer Nostalgie zu versinken.

Man merkt als Gast also sehr schnell, dass das ›L'oscar‹ nicht nur ein Ort zum Schlafen sein soll, sondern ein gesellschaftlicher Schauplatz – allerdings mit einem Augenzwinkern. Und das ist sympathisch. Denn bei einer Ästhetik zwischen Gold, Samt und Spiegeln lauert immer die Gefahr des vulgären Geschmacks. Das ›L'oscar‹ umgeht sie, indem es den Übermut konsequent ausstellt. Es ist kein Hotel für Menschen, die sich möglichst unauffällig einquartieren möchten, sondern ein Hotel für Menschen, die einen Aufenthalt als kleines Erlebnis verstehen, das am Rande einer Reise ganz für sich selbst stehen kann.
Das Bemerkenswerte ist dabei nicht einmal die Opulenz oder der Luxus – das kann man kaufen. Das Entscheidende ist, dass das ›L'oscar‹ seine Dandy-Dekadenz auf ein historisches Fundament stellt: Unter der Oberfläche von Jacques Garcias Fantasiewelt bleibt das ehemalige Baptisten-Hauptquartier in zahlreichen Details erkennbar. Das Hotel lebt vom Spannungsverhältnis zwischen dem, was war, und dem, was daraus geworden ist.
Im Bild: die »Library«

Natürlich muss man Jacques Garcias Stil mögen. Wer Understatement sucht, wird hier vermutlich nach wenigen Minuten nervös. Das ›L'oscar‹ kennt weder Zurückhaltung noch Purismus. Es ist kokett. Manchmal frivol. Aber immer ästhetisch konsequent. Und wenn einem die Stadt irgendwann zu laut wird, zieht man sich in die samtige Innenwelt des Hauses zurück.
Zwei Dinge vermissen wir dennoch. Erstens eine richtige Bar, an der man spätabends noch einen Drink nehmen kann. Die früh schließende Onyx-Bar im Restaurant ist da keine Anlaufstelle. Gerade in einem Haus, das sich so selbstbewusst im Dandy-Stil inszeniert, darf das nicht fehlen: Ein Absacker zwischen Samt, Gold und Spiegeln gehört hier eigentlich zum Programm. Zweitens gibt es weder Spa noch Pool. Das ist angesichts des denkmalgeschützten Gebäudes und des knappen Platzes verständlich, sollte einem vor der Buchung aber bewusst sein.
Im Bild: die Lobby-Lounge

Kurzum: Wir haben uns hier ausgesprochen wohl gefühlt. Dazu trägt sicherlich auch das Team des Hauses bei, das von der Rezeption bis zum Service im Restaurant eine Zugewandtheit zeigt, wie wir sie selten erleben: keine aufgesetzte Freundlichkeit, sondern gelebtes Gastgebertum. Auch dass die Direktorin, eine Französin, beim Frühstück eine kleine Runde bei den Gästen dreht, ist alles andere als Standard. Eine besondere Erwähnung verdient zudem der Doorman Toni, der mit seinem jovialen Charme so etwas wie die gute Seele des Hauses ist.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Qualität dieses Hotels: Es will keine bessere Version anderer Luxushotels sein. Es will ›L'oscar‹ sein. Sehr persönlich, ein bisschen Baptistenkirche und ein bisschen Theater, ein bisschen Oscar Wilde, ein bisschen Pariser Salon – und sehr viel London.
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Hinweis
Der Aufenthalt im »L'oscar« war eine Einladung. Details zum Umgang mit Einladungen und anderen Pressekonditionen findet Ihr hier.

