Restaurantkritik  5.November 2025

Brooklands – Zwischen Rennstall und Sternenhimmel

Von Kai Mihm

Als die Hongkonger Luxushotelgruppe ‹Peninsula› im September 2023 ein Haus in London eröffnete, ließ uns vor allem das Gourmetrestaurant ‹Brooklands by Claude Bosi› aufhorchen, denn der namensgebende Patron zählt seit Jahrzehnten zu den renommiertesten Küchenchefs der Londoner Gastroszene. Das erste Londoner Restaurant des gebürtigen Franzosen, ‹Hibiscus›, hatte zwei Sterne, der 2017 eröffnete Nachfolger ‹Claude Bosi at Bibendum› ebenso – und auch das ‹Brooklands› wurde nach nur sechs Monaten mit zwei Sternen geadelt. Selbst wenn man – wie wir – Hotelrestaurants mit einer gewissen Skepsis gegenübersteht, weckt das Neugierde.

Eine gute Nachricht ist denn auch, dass man sich beim ‹Brooklands› bemüht hat, dem Restaurant einen autarken Charakter zu verleihen. Es befindet sich im obersten Stockwerk des Hotels und hat einen eigenen Zugang per Aufzug. Der Name ‹Brooklands› referenziert eine legendäre Motorsportrennstrecke und Flugzeugproduktionsstätte unweit von London, dementsprechend bilden historische Rennwagen und Luftfahrzeuge das gestalterische Leitthema des Lokals: Den Vorraum zum Aufzug schmückt eine Oldtimer-Leihgabe aus dem Brooklands-Museum, der Fahrstuhl selbst ist der Gondel eines Heißluftballons nachempfunden – die kurze Fahrt ins sechste Obergeschoss wird sogar von entsprechenden Licht- und Toneffekten untermalt. Charmante Spielereien, die nebenbei zeigen, dass Aufwand und Kosten hier keine Rolle spielen.

Oben angekommen, wird es im Foyer des Lokals mit bunten Farben, lebhaften Mustern und dynamischen Wandbildern fast ein bisschen surreal. Ich bin schon leicht geplättet, bevor ich das Restaurant überhaupt betrete …

… Dort geht es direkt weiter. Der großzügige Gastraum wirkt nostalgisch und futuristisch zugleich. Das Teppichmuster zeichnet Sternbilder nach, an einer Wand strahlt ein riesiger Bildschirm in hypnotischem Himmelblau und an der Decke hängt das gewaltige Modell einer Concorde (das Überschallflugzeug wurde in Brooklands hergestellt). Alles ein bisschen over-the-top, aber irgendwie gut – mit dem üblichen Einerlei zeitgenössischer Gourmetrestaurants hat das jedenfalls nichts zu tun. An diesem Mittwochabend ist nicht viel los, was die leicht irreale Atmosphäre noch verstärkt.

Dass Chef Bosi an diesem Abend persönlich anwesend ist, steigert die Vorfreude. Da das ‹Bibendum› aufgrund von Konflikten mit den Vermietern kürzlich abrupt schließen musste, dürfte das ‹Brooklands› zumindest temporär sein Hauptrestaurant sein.

Beim Essen hat man die Wahl zwischen verschiedenen Menüs, die sich um Zusatzgerichte erweitern lassen. Eine stilvoll gezeichnete Landkarte informiert über die Herkunftsregionen der Hauptprodukte, die fast alle aus dem Vereinigten Königreich stammen. Meine Wahl fällt auf das Sechs-Gänge-Menü, das ich um ein Signature Dish erweitere.

Zum Aperitifchampagner, den der Sommelier quasi im Vorbeigehen einschenkt, werden erste Snacks aufgetragen. Vom Raum noch immer beeindruckt, höre ich beim Annoncieren nicht genau hin – von einer kleinen Tartelette notiere ich später lediglich, dass sie etwas zu fruchtsüß schmeckt, während ein souffliertes Teigkissen mit fettem Cornwall-Thunfisch durch exzellente Produktqualität, makelloses Handwerk und die Kombination von hauchdünner Knusprigkeit und buttrigem Schmelz begeistert.

Das Amuse Bouche wird als Claude Bosis Variante des britischen Klassikers Coronation Chicken (»Krönungshühnchen«) annonciert, einem Salat aus gekochtem Hühnerfleisch, Mayonnaise, Currypulver und getrockneten Aprikosen, der im Jahr 1953 für das Krönungsbankett von Queen Elizabeth II. kreiert wurde.

Hier nun sitzt eine Nocke zarter Hühnchenleber-Eiscreme mit knusprigen Zwiebelstreifen in einer Emulsion aus Curry, Brioche und Sherry-Essig-Reduktion. Das schmeckt umami, fruchtig und pikant – in der Hühnchen-Curry-Kombination irgendwie »altmodisch«, durch die Darreichungsform aber auch modern, und dank der Essig-Reduktion nicht zu schwer. Sehr schön.

Der erste Menügang präsentiert saftig-zarte Stücke Cornish Crab (eine Krabbenart von der Küste Cornwalls) unter einer samtigen Hollandaise mit eingemachtem Trüffel, der ihr noch mehr Fülle verleiht. Die üppige Süffigkeit dieser Kombination aus Krabbenfleisch und Butter wird von leicht pikantem Shiso und einer aufgeschäumten Vin-Jaune-Sauce mit sanft oxidativen Noten aufgebrochen. Das ist so schlicht wie schlüssig. Ein exzellentes Produkt und exzellentes Saucenhandwerk führen hier ohne Umschweife zu Hochgenuss. Sicher kein »leichtes« Gericht zum Einstieg, aber auch keines, das man schnell vergisst.

Nun schiebt die Küche den Extragang ein. Dünn aufgeschnittener Cornwall-Tintenfisch wurde appetitlich braun geröstet und ist auf samtigem Artischockenpüree angerichtet. Den Tintenfisch selbst hatte man zuvor in Koji-Reis mariniert, was ihm eine wunderbar zarte Textur und leichtes Umami verleiht, zugleich aber auch seine natürliche Süße unterstreicht.

Eine dichte, tiefe Sauce aus Tintenfisch, Herzmuschelbrühe und Estragon verstärkt den elegant-maritimen Charakter des angenehm reduzierten Gerichts, bekommt durch die Beigabe von Knochenmark aber auch mollige Fülle. Das ist ähnlich exakt auf den Punkt, wie schon die Krabbe – und trotz der filigranen Anmutung ähnlich gehaltvoll.

Aus diesem Grund werden auf einem separaten Teller (nicht im Bild) marinierte Artischockenstücke serviert, die den Hauptteller um kühle Frische und markante Säure bereichern. Stark.

Ich hatte ursprünglich einen anderen Extragang gewählt, bin nun aber glücklich, dass der charmante Restaurantleiter mir diesen Bosi-Klassiker ans Herz legte –  wie überhaupt das junge, internationale Serviceteam von einer bemerkenswert sympathischen Lässigkeit und Verbindlichkeit ist (eine ebenso bemerkenswerte Ausnahme bildet lediglich der italienische Sommelier, der den Abend primär an einem Tisch mit Landsleuten verbringt und andere Gäste mit der Einsilbigkeit einer lästigen Pflichtübung abfertigt).

Eine Tranche geangelter Wolfsbarsch erfreut schon optisch mit perlmuttenem Schimmer als Zeichen hervorragender Qualität und Reifung. Eine dunkle, dicht eingekochte Shiitake-Sauce mit Majoran und etwas samtige Hollandaise verleihen dem Fisch aromatische Komplexität, ohne ihn zu dominieren. Dazwischen blitzt das kraftvoll-maritime Aroma saftiger Herzmuscheln auf und unterstreicht die hohe Intensität des Gerichts. Trotzdem bleibt alles überraschend feingliedrig. Sehr gut.

Weiter geht es mit Racan-Perlhuhn aus dem Loiretal. Serviert wird die Brust des Vogels, gefüllt mit einer aromatischen Farce aus Perlhuhn und Schwertmuscheln. Die ungewöhnliche Mischung verleiht dem zarten, saftigen Fleisch eine cremige, maritim-salzige Note – originell und exzellent. Eine tiefgrüne Sauce von Strandrüben-Kraut, mariniertes Rübenkraut, einige Schwertmuschelstücke sowie konfierte Strandrüben-Perlen runden das zwischen Feld und Meer ochangierende Geschmacksbild ab. In seiner zugänglichen Vielschichtigkeit könnte das eine makellos köstliche Kreation sein, wenn nicht irgendwo eine dominante Räuchernote herkäme (mutmaßlich von einem Öl), die das Gericht nach ein paar Gabeln unnötig rustikal und mächtig wirken lässt.

Angesichts der durchgehend hohen Intensität bin ich inzwischen etwas am Kämpfen. Erleichtert nehme ich deshalb den überschaubaren Hauptgang zur Kenntnis: Knuspriges Kalbsbries wurde mit der japanischen Gewürzmischung Togarashi glasiert, was ihm eine fruchtig-pikante Note verleiht. Exzellent. Als unpassend erweist sich zwar auch diesmal eine deutliche Räuchernote, die von marinierten Steckrübenscheiben herrührt, doch ich lasse das Gemüse kurzerhand beiseite und erfreue mich stattdessen an süßsauren, in Kalbsjus eingelegten Senfkörnern und einer köstlichen Steckrübensauce mit pikantem Voatsiperifery-Pfeffer – mehr braucht es zum hervorragenden Kalbsbries überhaupt nicht.

Was ich indes dringend brauche, ist eine Erfrischung – und bekomme sie in Gestalt eines exquisiten Grapefruitsorbets mit süßlich-oxidativem Wermut und neckisch ploppenden Grapefruitsegmenten; ein Spritzer Pflaumenkernöl bildet mit seinem an Marzipan und Bittermandeln erinnernden Aroma einen »wärmenden« Kontrast zur kühlen Bitterkeit des Sorbets. In seiner schlichten Schlüssigkeit ist das nicht weniger als herausragend.

Das Hauptdessert erweist sich noch einmal als üppige Angelegenheit: Geröstete, cremig-süße Schwarze Feigen sind auf einem delikaten Feigenkompott mit Bitterorange angerichtet, letztere nur als Hauch, aber in ihrer Frische deutlich wahrnehmbar. Rosmarin und Sternanis sowie ein exzellentes Kardamom-Eis verleihen dem Dessert eine sanft orientalische Note. Dazu reicht man süßes Hefegebäck mit Pflaumen und Gewürzen, von dem ich allerdings nur ein kleines Stück probiere. Großartig ist das alles so oder so.

Für die Mignardises bin ich beim besten Willen zu satt – lediglich einer Schale mit absolut perfekten Chiacchiera, knusprigem italienischen Faschingsgebäck, kann ich nicht widerstehen. Jetzt erinnere ich mich, dass hier mit Francesco Dibenedetto ein italienischer Executive Chef am Herd steht.

Französische Küche, englische Produkte und italienischer spirito – so lässt sich das ‹Brooklands by Claude Bosi› am besten subsumieren. Nicht die schlechteste Mischung. Man spürt die Ambition und schmeckt den Ehrgeiz, hier etwas ganz Großes zu erschaffen. So gesehen, lassen sich die Rennwagen und die Concorde, der Himmel und die Sternbilder, durchaus symbolisch lesen: The Sky Is No Limit – und am Ziel, das ist spürbar, fühlt man sich hier noch lange nicht.

Für mich endet der Abend wie er enden muss – in der lässigen ‹Brooklands Bar›, auf demselben Stockwerk direkt gegenüber. Auch nach Mitternacht herrscht hier noch viel Betrieb, offenbar erfreut die Bar sich nicht nur bei Hotelgästen großer Beliebtheit. Bei einem Manhattan in London lasse ich den Abend nach einem französischen Menü ausklingen. Irgendwie amüsant, aber so fühlt sich Weltstadt an. 

Fragen an die Suffmeisterin (a.k.a. »Wine Director«) Melody Wong

1. Anzahl der Positionen auf der Karte
Je nach Saison haben wir in Brooklands etwa 650 bis 700 Flaschen vorrätig.

2. Gibt es einen besonderen Schwerpunkt auf der Weinkarte?
Wir bieten eine spannende Auswahl an Champagner und Schaumweinen von Winzern sowie eine Liste mi tinternationalen Weinen, wobei der Schwerpunkt auf kleinen Produzenten und seltenen Jahrgängen liegt

3. Was ist die günstigste/teuerste Flasche und wie viel kostet sie?
Unsere Weinkarte beginnt mit einem 2019 Petit Manseng, Ty Plus, Domaine Poiron, Loire, zum Preis von 65 £ und umfasst auch unseren besten 1928 Pétrus für 88.888 £. Das Jahr 1928 markiert die Eröffnung des Peninsula in Hongkong, das für uns einen hohen sentimentalen Wert hat. Diese Flasche wird außerdem mit einem Bestätigungsschreiben von Pétrus geliefert, das ihre Echtheit bestätigt.

4. Die ungewöhnlichste Rarität?
2016 Bell Hill Vineyard Pinot Noir aus North Canterbury, Neuseeland. Eines der bekanntesten Weingüter Neuseelands, das auf einer Fläche von nur etwa drei Hektar extrem kleine Mengen eines Pinot Noir von Weltklasse produziert, von dem lediglich 6.954 Flaschen hergestellt wurden. Der Wein hat eine komplexe Nase mit Noten von Veilchen, roten Früchten, Sandelholz und getrockneten Kräutern. Sein eleganter Gaumen und seine weichen Tannine machen diesen Wein nicht nur zu einem der besten Neuseelands, sondern auch zu einem der besten Pinot Noirs der Welt.

5. Der meistverkaufte Wein der letzten 12 Monate?
Champagne Moussé Fils, Eugène, Blanc de Noirs, Brut Nature ist unser meistverkaufter Wein. Dieser Winzer-Champagner ist eine wunderbare Möglichkeit, den Gaumen vor dem Essen zu erfrischen.

6. Ihre Entdeckung der letzten 12 Monate?
Ich habe kürzlich den 2021 Rkatsiteli vom Weingut Puchang entdeckt, der in Xinjiang, China, hergestellt wird. Rkatsiteli ist eine alte Rebsorte, die aus Georgien stammt. Ich war überrascht und begeistert von der hohen Qualität des Weins, der das einzigartige Terroir des Turpan-Tals in China widerspiegelt. Der Wein besticht durch seine cremige Textur, Aromen von Steinobst, herzhaften Noten und einem Hauch von Rauchigkeit.

7. Ihr persönlicher Lieblingswein? Warum?
Ich mag Weine, die in kühleren Klimazonen angebaut werden, da die Reinheit des Weins das Terroir wirklich widerspiegelt. Gereifte Rieslinge aus der Moselregion haben einen besonderen Platz in meinem Herzen, insbesondere diejenigen, die in den1970er und 1980er Jahren produziert wurden. Die Mineralität, die einzigartigen Aromen und das komplexe Mundgefühl beeindrucken mich jedes Mal aufs Neue

8. Die ungewöhnlichste oder lustigste (weinbezogene) Gästeanfrage, mit der Sie jemals konfrontiert wurden? 
Eine Flasche Château Margaux 1982 zu erhitzen, um Glühwein zuzubereiten, war eine neue Erfahrung, die ich noch nie zuvor gemacht hatte.

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