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KolumneRestaurantkritik 16.August 2022

Barcelona – Sterne, Stars und Underdogs

Fünf Jahre sind seit unserer letzten Reise nach Barcelona vergangen. Im Mai 2017 verbrachten wir hier zwei unvergessliche Tage, mit Besuchen im »Enigma«, dem »Disfrutar« und dem »Pakta«. Seitdem ist in der Stadt eine Menge passiert. Das »Pakta« gibt es nicht mehr, das »Enigma« nicht mehr in der damaligen Form. Auch andere Lokale mussten schließen. Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. Trotzdem gehört die gastronomische Szene Barcelonas noch immer zu den spannendsten und vielfältigsten Spaniens, wenn nicht Europas. Das zeigt sich auch bei der jetzigen Planung: die Verlockungen übersteigen bei weitem die Möglichkeiten eines dreitägigen Aufenthalts – plus einem Abstecher nach Girona.

Bei der Vorbereitung unserer Reisen verlassen wir uns schon lange nicht mehr nur auf den Guide Michelin, 50Best oder OAD. Als Basis und erster Überblick kann das durchaus hilfreich sein, doch die sozialen Netzwerke, mit zahlreichen Gleichgesinnten aus aller Welt, haben sich in den letzten Jahren als oftmals interessantere Quelle erwiesen, insbesondere bei Auslandsreisen. Natürlich muss man die unterschiedlichen Vorlieben der Tipp-Geber einordnen und mit dem eigenen Geschmack abgleichen. Jenseits objektivierbarer Kriterien kann die Einschätzung des selben Restaurants gänzlich anders ausfallen.

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Am Ende haben wir nach diversen E-Mails, Messenger-Nachrichten und Facebook-Threads eine vielversprechend abwechslungsreiche Agenda beisammen. Die Bandbreite reicht vom lässigen Eckbistro bis zum luxuriösen High-End-Restaurant, von Tapas bis Tempel, sozusagen. Obwohl die Idee dieser Tour relativ spontan entstand, lassen sich die Online-Reservierungen mit vier Wochen Vorlauf erstaunlich reibungslos tätigen. Bei zwei vermeintlich hoffnungslos ausgebuchten Restaurants helfen freundliche E-Mails: auf wundersame Weise gibt es plötzlich doch noch freie Plätze.
Im Folgenden nun ein kurzer Abriss des Programms, bevor im Lauf der nächsten Wochen die einzelnen Berichte folgen.

Dienstag, 11:30 Uhr.
Barcelona empfängt uns mit fantastischem Wetter, angenehm wenigen Touristen und trotz einer Temperatur jenseits der 30 Grad mit einer klaren, beinahe erfrischenden Luft, als würde sie vom nahen Mittelmeer »geklärt«. Es ist immer wieder auffallend, wie jede Stadt eine ganz eigene Luftbeschaffenheit zu haben scheint. Dass einer unserer Koffer von der Lufthansa irgendwo vergessen wurde … geschenkt. Machen wir aus dem ersten Stadtbummel eben eine kleine Shopping-Tour.
Dann hoch in den Güell-Park, einmal den Blick über die ganze Stadt schweifen lassen, deren gewaltige Ausmaße sich von hier am besten erschließen. Beim Flanieren hingegen können manche Vierteln geradezu heimelig-dörflich anmuten. In jeder zweiten Straße möchte man einfach stehen bleiben und die bildschönen Fassaden bewundern.
Das Sightseeing nimmt allerdings ein jähes Ende, als einer von uns seinen Personalausweis verliert. Den Rest des Nachmittags verbringen wir auf einem Polizeirevier mit Warten – nur um bei der verschwitzten Rückkehr ins Hotel vom Portier mit dem freudigen Fund des Dokuments begrüßt zu werden, das offenbar beim Check-in aus der Tasche gefallen war. Was für ein Start. Darauf erstmal einen großen Gin-Tonic in der Rooftop-Bar…

Dienstag, 20:20 Uhr.
Von unserem Hotel im malerischen Eixample-Viertel ist es ein zehnminütiger Spaziergang zum ersten Restaurant: Das Disfrutar war 2017 ein unvergessliches Highlight und die Lust auf den Wiederbesuch ein wesentlicher Anlass der jetzigen Reise. Konnte man damals noch (relativ) einfach einen Tisch reservieren, braucht es inzwischen einige Anstrengungen, immerhin belegt das Restaurant den fünften Platz der publikumsträchtigen »World's 50 Best«-Liste.

Vor fünf Jahren wurden wir hier überzeugt, dass die sogenannte »Molekularküche« durchaus noch ihre Berechtigung besitzt, sofern man in der Küche weiss, was man tut. Das scheint heute nicht mehr so recht der Fall zu sein. Das aktuelle Saisonmenü unter dem Titel »Disfrutar Festival« besteht aus einer Aneinanderreihung manieristischer Spielereien. Wir haben nichts gegen Experimente, Herausforderungen und provozierende Abweichungen von bürgerlichen Wohlgeschmacksvorstellungen, doch hier wähnen wir uns in einem Ulk der »Versteckten Kamera«. Wir nehmen es mit Humor, und irgendwie passt es am Ende auch zum holprigen Verlauf dieses Ankunftstages. (Hier der komplette Bericht)

Mittwoch, 12:30 Uhr.
Suculent lautet der kryptische Name unseres Ziels auf der Rambla del Raval, dessen Eingang man neben einem grellen Burgerladen beinahe übersieht. Hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein ambitioniertes Restaurant, das als ein Favorit der örtlichen Gastroszene gilt und unter Essverrückten als Geheimtipp gehandelt wird. Das Ambiente in dem fensterlosen Lokal ist recht rustikal, das bemerkenswert günstige Menü wohltuend zugänglich, süffig und trotzdem raffiniert. Wir laben uns an Garnelen-Ceviche, gegrilltem Maitake-Pilz mit Pinienkernen sowie Steak Tatar auf Knochenmark mit Pommes soufflées. Jedes einzelne Gericht schmeckt besser als alles, was wir am Abend zuvor hatten. (Bericht folgt)

Mittwoch, 21:00 Uhr
Es ist noch sommerlich hell als wir nach einem kurzen Spaziergang durch unser Viertel im lässig-eleganten Weinbistro Mont Bar eintreffen. Die leeren Tische werden sich bald füllen, denn das Lokal ist schwer angesagt, umso mehr, seit der vormalige Küchenchef von Albert Adrias »Tickets« hier anheuerte. Dass man unsere Reservierung vergessen hat, sorgt beim Service zunächst für etwas Unruhe. Am Ende werden wir kurzerhand am großen hölzernen Gemeinschaftstisch vor einem gewaltigen Weinregal platziert. Das passt gut zu diesem entspannten Abend, mit ein paar soliden spanischen Flaschen und schmackhaften Gerichten wie »Hühnerhaut-Sandwich mit Kalmar« und »Mild geräuchertem Ventresca vom Thunfisch mit Pinienkern-Vinaigrette«. Das Tolle an Barcelona ist auch das Gefühl, nach solchen Perlen gar nicht lange suchen zu müssen.

Donnerstag, 00:17 Uhr
Und weil ein kulinarisch gelungener Tag nicht so früh enden darf, legen wir auf dem Nachhauseweg einen Stop in der Cocktailbar Sips ein. Erst im Nachgang finden wir heraus, dass sie auf der Liste der »50 Best Bars« immerhin Platz 37 einnimmt. Das ist nachvollziehbar. Die tolle, unprätentiöse Atmosphäre, ein buntes Publikum und einige exzellente Cocktails lassen es spät werden. Sehr spät. Mit mehr als ein paar Sips... Wie man sieht sind wir am Ende die letzten Gäste. Glücklicherweise befindet sich unser Hotel nur ein paar Gehminuten entfernt.

Donnerstag, 12:15 Uhr
Wir sind von der letzten Nacht noch ein bisschen verstrahlt, als wir zum Lunch aufbrechen. Doch mit etwas frischer Luft und der Ankunft am Lasarte weicht der Kater einer beglückenden Dopaminausschüttung: Der erste Dreisterner der Reise! Auf diesen Besuch sind wir auch deshalb gespannt, weil die Meinungen über die Dependence des baskischen Altmeisters Martin Berasategui durchaus auseinander gehen. Soviel vorab: Uns gefällt es ausgezeichnet. In einem elegant durchgestylten, im positivem Sinne "kühlen" Ambiente genießen wir ein umfangreiches Degustationsmenü, bei dem sich Traditionelles wie getrüffelte Schweinsfüße und Modernistisches wie Tintenfischtatar mit flüssigen Eigelb abwechseln. Nach den sehr informellen Restaurants der letzten Tage tut auch der distinguierte Service gut. (Hier geht's zum Bericht)

Donnerstag, 21:41 Uhr
Der Uber-Fahrer ist von den Anweisungen seines Navigationsgeräts offenbar verwirrt. Als er uns schließlich mit einem unsicheren »Here is good?!« vor die Tür setzt, laufen wir in der Dunkelheit zwei Mal um den Block und durch einen Innenhof – ohne Erfolg. Bis wir kapieren, dass der Eingang zur Direkte Boqueria sich in einer historischen Passage hinter riesigen Säulen und blickdichten Paravants verbirgt, die eher nach Baustelle aussehen, als nach gehobener Gastronomie …

… Wir wussten, dass das Restaurant winzig ist – aber nicht so winzig! Wie in einer exklusiven Sushibar verteilen sich um einen kleinen Ecktresen exakt acht Plätze. Dahinter arbeitet Chef Arnau Muñío mit zwei Helfern auf engstem Raum, hochkonzentriert, aber trotzdem entspannt. Jeder Handgriff sitzt, und es bereitet Freunde, dabei Zuzuschauen. Das zehngängige Menü zu schier unglaublichen vierundsiebzig Euro besteht zu großen Teilen aus rohen und roh marinierten Meerestieren hervorragender Güte, gerne mit leicht fruchtiger Einfassung. So wird zum Beispiel Thunfisch mit Kirsche kombiniert, oder dünn aufgeschnittene Jakobsmuscheln mit Aprikosen und Mandeln. Die Geschmacksbilder changieren zwischen Spanien, Peru und Japan. Auch dieses Minilokal, das wir jederzeit so manchem Sterneladen vorziehen würden, war ein heißer Tipp aus unserem Social-Network-Kosmos.

Freitag, 11:40 Uhr
Der AVE-Hochgeschwindigkeitszug bringt uns in gerade einmal 38 Minuten nach Girona. »El Celler de can Roca« lautet der Anlass dieses Abstechers. Dort haben wir für den Abend reserviert, den Nachmittag wollen wir in der kleinen, malerischen Altstadt verbummeln. Allerdings treibt uns die drückende Hitze erst ins leicht angestaubte, aber klimatisierte Filmmuseum, dann für ein paar eiskalte Cañas in ein schattiges Café an der herrschaftlichen Plaça de la Independència. Das überschaubare Girona ist schön, sehr schön sogar, und kulinarisch hat die Stadt ebenfalls einiges zu bieten, wie wir von früheren Urlaubsbesuchen wissen. Diesmal sind wir allerdings wegen eines einzigen Restaurants hier.

Freitag, 19:00 Uhr
Der Abend beginnt skurril, da es in Girona praktisch unmöglich zu sein scheint, kurzfristig ein Taxi zu bekommen bzw. überhaupt eines zu Gesicht zu bekommen. Also nehmen wir den Bus, der praktisch vor dem El Celler de can Roca Halt macht. Das Restaurant ist seit vielen Jahren eine Institution. Dreifach besternt, zweifache Nr. 1 der »World's 50 Best« und auch sonst ein geradezu legendäres Haus.
Architektonisch beeindruckend und gestalterisch feinsinnig, irritiert uns jedoch der unpersönliche, nachgerade roboterhafte Service und ein qualitativ wechselhaftes Menü. Allerdings gleicht die sensationell bestückte und überaus gastfreundlich kalkulierte Weinkarte sämtliche Defizite aus. Allein sie ist schon jede Reise wert. Details folgen.

Samstag, 1:08 Uhr
Auf dem Rückweg zum Hotel bitten wir den Fahrer des vorbestellten (!) Taxis, uns irgendwo hinzubringen, wo noch etwas los ist. Die letzte Nacht in Katalonien muss angemessen begangen werden. An den Namen des Ladens erinnern wir uns nicht mehr, nur dass unsere Anwesenheit den Altersdurchschnitt deutlich nach oben verschiebt. Egal, die Musik ist gut, das gezapfte »Estrella« eiskalt und die jungen Menschen in bester Feierlaune. Es wird spät. Sehr spät. Am nächsten Vormittag geht es zurück nach Barcelona.

Samstag, 12:45 Uhr
Ankunft am Bahnhof »Barcelona-Sants«. Wir sind spät dran. Die Warteschlange am dünn besetzten Taxistand ist circa 80 Meter lang. Also zu Fuß, es ist ja nicht weit. Die Koffer im Schlepptau marschieren wir in glühender Mittagshitze zu unserer letzten Station – und spüren bald, dass ein Kilometer verdammt lang sein kann...
In einem gesichtslosen Wohnviertel errreichen wir schließlich unser Ziel: Eine ehemalige Industriehalle, der filigrane Fassadenmalerei etwas geheimnisvoll Märchenhaftes verleiht und welche die Heimstatt des Restaurants Cocina Hermanos Torres ist. Es wird von zwei Brüdern geführt, ist zweifach besternt, doch außerhalb Spaniens kaum bekannt. Auch wir wissen praktisch überhaupt nicht, was uns erwartet. Im Vorfeld war uns das Grund genug für eine Reservierung.

Drinnen dann die Überraschung einer gewaltigen offenen Küche, um die sich die Tische für die Gäste gruppieren. In diesem spektakulären Setting genießen wir ein ausgezeichnetes 14-Gänge-Menü mit klassisch-modernem Einschlag. Zu den Highlights gehören »Rotbarbe mit Kräuteremulsion« und knuspriges Spanferkel auf Weltklasse-Niveau. Zusammen mit ein paar ungewöhnlichen Empfehlungen des Sommeliers ist die Küche der Gebrüder Torres ein perfekter Abschluss dieser abwechslungsreichen Kurzreise.
Nach vier Tagen, sieben Restaurants, drei Bars, zehn Sternen und dutzenden Gerichten haben wir eine Menge gesehen und geschmeckt – und trotzdem das Gefühl, kaum an der Oberfläche der katalanischen Gastronomie gekratzt zu haben. Es war ein Anfang. Und er war schön. Demnächst mehr, an dieser Stelle.
Kai Mihm

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