Restaurantkritik 10.Juni 2026

Paris: drei Tage, sechs Weinbars, ein Viertel

Von Kai Mihm

Unsere letzte Kurzreise nach Paris galt eigentlich nur zwei Restaurants: dem dreifach besternten ‹Plénitude› im 1. Arrondissement und dem unbesternten, aber von Kennern extrem hochgelobten ‹Maison Sota› im 11. (Bericht folgt). Wir wohnen diesmal im 9. Arrondissement, genauer gesagt im charmanten Hôtel Maison Mère beim Square Montholon, einem terrassierten Platz aus dem 19. Jahrhundert mit Platanen und Marmorstatuen, Bänken zum Verweilen und einem kleinen Spielplatz. Offiziell gehört die Gegend zum Quartier de Rochechouart, wird von den Anwohnern aber liebevoll "Village Montholon" genannt.

Warum ich das erwähne? Nun, uns hat der Charme des Viertels so bezaubert, dass wir es in den drei Tagen unserer Reise nur für die Besuche in den genannten Restaurants und einen Ausflug zum Eiffelturm (im Bild) verlassen. Ansonsten ziehen wir im "Village Montholon" von Kneipe zu Kneipe und von Weinbar zu Weinbar. Acht davon – zwei Italiener und sechs Weinbars – werden wir auf den kommenden Seiten vorstellen.

Da diese Idee erst nach der Reise entstanden ist, gibt es zu einigen Speisen gar keine Fotos, von anderen nur Schnappschüsse.

Gleich zwei Mittage verbringen wir direkt am Square Montholon, wo man in einem verkehrsberuhigten Abschnitt zwei wunderbare Italiener findet: In der Pizzeria ‹Culinaria› (linkerhand) probieren wir bei strahlendem Sonnenschein zwei Klassiker: Napule' mit San-Marzano-Tomaten, Mozzarella, Sardellen, Oregano und Kapern (18 €) und Boscaiola (17 €) mit toskanischer Salsiccia und frischen Champignons. Beide Pizzen sind exzellent, nicht zu dick belegt, mit festem Teig und appetitlichem "Leopardenmuster" auf dem Rand. Dazu passt ein nicht näher notierter, sehr einfacher Nero d'Avola.

Im ‹Piccola Toscana› direkt nebenan liegt der Fokus auf hausgemachten Nudeln. Ich bestelle am nächsten Mittag sehr gute Burrata Fritta – geräucherte und in Semmelbröseln frittierte Burrata – mit Tomatensalat (17 €), gefolgt von Pasta: Tagliatelle ai funghi porcini e stracciatella (24 €) verbinden Erdigkeit und Frische mit süffigen Eiernudeln; Pappardelle alla bolognese (21 €) prunken mit einer vollmundigen Sauce, die laut Karte über sieben Stunden hinweg schmoren durfte. Alles schmeckt hervorragend, und was ich auf den Nachbartischen sehe, weckt die Lust, bald wieder hier einzukehren. Weinmäßig ist man hier – wie schon die Kollegen nebenan – sehr einfach aufgestellt, was angesichts der Küche umso mehr erstaunt; aber eine Flasche namenloser Trebbiano d'Abruzzo zu 35 € schmeckt an diesem sonnigen Mittag mit Blick auf den Park überraschend stimmig.

In beiden Lokalen sind wir die einzigen Nicht-Franzosen, und dass sich unmittelbar nebenan eine Krabbelstube ("Micro-crèche") befindet, deren Kinder auf dem Spielplatz im Park gegenüber zu hören sind, macht die Atmosphäre noch charmanter – und unterstreicht den Eindruck, dass der Square Montholon das Herzstück einer lebendigen, typisch pariserischen Nachbarschaft bildet.

Fürs Dessert spazieren wir fünfzig Meter zur nächsten Straßenecke, ins ‹Bibou›. Mit sehr guter Mousse au chocolat und noch besserer Tarte au Citron (je 12 €) wird man dem formulierten Anspruch eines "modernen Pariser Weinbistros" durchaus gerecht. Dazu ein kleines Glas Chenin Blanc von Bonnigal-Bodet (9,50 €). Wir sitzen hier noch lange in der Sonne, und bei einem Glas bleibt es natürlich nicht. Aber das würde jetzt zu weit führen …

Am Abend gegen 21 Uhr geht es ein paar Straßen weiter in die Weinbar ‹Le Tire-Bouchon Rodier›, das einzige Lokal dieses Berichts, das im Guide Michelin gelistet ist und sogar mit einem Bib-Gourmand hervorgehoben wird.

Man sitzt in dem kleinen Lokal an Tischen, Hochtischen oder, wie wir, am Tresen. Der Laden ist gerammelt voll, überwiegend mit Einheimischen. Sämtliche Speisen sind zum Teilen gedacht, der etwas mürrische Wirt empfiehlt sieben Gerichte für zwei Personen – dass das bei unserer Auswahl viel zu viel ist, sagt er leider nicht.

Die beeindruckend umfangreiche Weinkarte listet zahllose reizvolle Positionen zu bestellfreundlichen Preisen. Am Ende fällt meine Wahl auf einen 2022er »Savigny-lès-Beaune Blanc» von der Domaine Simon Bize & Fils (95 €), der mir leider eine Spur zu fett ist, was auch mit Luft nicht viel anders wird. Egal, zur kräftigen Küche hier passt das gut …

Wir starten mit gut gewürzter und üppig portionierter Geflügelleberterrine mit Cornichons (10 €). Gleichzeitig kommen geschmorte, intensiv-aromatische Entenherzen im eigenen Jus (9 €) sowie Frühkartoffeln mit Speck und Cancoillotte (12 €), einem Kochkäse aus dem Jura, auf den Tresen. Insbesondere die Kartoffeln erweisen sich als absolut köstliche Wahl, fest und geschmacksstark, vom knusprigen Speck und dem cremigen Käse bestens komplementiert.

Nicht im Bild: saftig gegrillte Kammmuscheln à la Grenobloise (pro Stück 6 €) und ein Thunfisch-Tatar mit Ingwer, Koriander, Zitronat und Wasabi-Eis (14 €), beides angenehm leicht, frisch und elegant. Vor allem das für ein solches Bistro ungewöhnliche Tatar gefällt mit raffinierter Würze und subtiler Schärfe.

Herausragend schmeckt danach ein butterzartes Fricassée vom Kalbsbries (18 €) mit Champignons de Paris und einer Sauce Vin Jaune, die ich mit Sauerteigbrot bis zum letzten Tropfen aus dem Servierpfännchen wische. Ein Hochgenuss.

Eigentlich sind wir längst satt. Es folgt aber noch ein viel zu fettes Asado von der Querrippe (kein Foto) mit öligem Chimichurri (22 €). Das ist leider nicht gut. Da dieses Essen so nicht enden darf, muss ein Dessert her: Brioche perdue mit Vanillecreme und Salzbutterkaramell (10 €, kein Foto) reißt das Ruder wieder herum.

Fazit zu diesem ausgiebigen Mahl: Sieht man vom etwas überheblichen Inhaber ab, ist das ‹Le Tire-Bouchon Rodier› ohne Einschränkungen empfehlenswert. Rückblickend gehe ich sogar noch weiter: Ein Weinbistro, das solche Qualität zu solchen Preisen anbietet und dazu noch eine derart gastfreundlich kalkulierte Weinkarte parat hält, ist mir in ganz Deutschland noch nicht begegnet. Und das im ach-so-teuren Paris …

Am nächsten Tag lassen wir uns zunächst über die Rue des Martyrs treiben, einer Straße wie aus dem Schlaraffenland: Bäckereien, Pâtisserien, Weinhändler und Feinkostgeschäfte aller Art reihen sich hier Block für Block praktisch nahtlos aneinander. Man kommt aus dem Staunen über diese Ballung an Genussartikeln gar nicht mehr heraus und fragt sich, wer das alles kaufen soll – Touristen sieht man jedenfalls kaum.

Den seriösen Teil des Tages starten wir in der Weinbar ‹Trouble›, die sich in einer Seitenstraße der Rue des Martyrs befindet. Co-Inhaber und Küchenchef Stefano De Carli stand vorher im ‹Passerini› in der Küche, das nicht wenigen Kennern als bester Italiener von Paris gilt. Entsprechend italienisch geprägt sind die Gerichte im ‹Trouble›.

Wir laben uns unter anderem an erstklassigen – natürlich hausgemachten – Tortellini mit Erbsen, Parmesan, Guanciale, gerösteten Semmelbröseln und roter Minze (19 €), dazu im Glas ein 2022er »Combe Bazin« vom legendären Frédéric Cossard (100 €). Die Speisen liegen zwischen neun und zweiundzwanzig Euro, die Mehrzahl der Weine im mittleren zweistelligen Bereich, mit einer Vielzahl ansprechender Namen. Prestigetrinker werden in solchen Nachbarschaftsweinbars wahrscheinlich weniger glücklich. Ich für meinen Teil würde gerne täglich einkehren. Aber wir müssen weiter, es wird dunkel …

… Denn nur zwei Straßen weiter möchte ich die winzige Weinbar ‹Lolo Cave à manger› besuchen, wo man sich auf naturnahe Weine spezialisiert hat. Die Auswahl ist überraschend überschaubar, ins höhere Regal zu greifen schon deshalb nicht möglich, weil es da gar nichts gibt. Man spricht im ‹Lolo› ganz klar ein anderes, deutlich jüngeres Publikum an, als im ‹Trouble› – was den Laden nicht unsympathischer macht.

Nach kurzem Austausch mit einem sympathischen Kellner im Skater-Look fällt meine Wahl schließlich auf einen Bourgogne Chardonnay der Domaine Sextant (55 €), mineralisch, reduktiv, deutlich zitrisch; mit etwas Luft wird er sanfter und entwickelt ansprechend nussige Noten.

Zum Essen: im Ganzen gegrillter, pikant gewürzter Tintenfisch (18 €) ist butterzart, weist leichte Röstaromen auf und wird lediglich von einer intensiven Salsa verde und gehobeltem Fenchel flankiert. Das sieht aus und schmeckt wie ein Gericht an einer Strandbude irgendwo in Süditalien. Sehr schlicht, produktfokussiert, und für das, was es sein will, absolut stimmig.

Ähnlich konzipiert ist ein Spieß mit gegrilltem Lammhack (16 €). Das sehr appetitlich gebräunte, sanft orientalisch gewürzte Fleisch – eine Art Köfte – ruht auf einer pikanten Sriracha-Sauce, dazu gibt es Petersiliensalat mit süßsauer eingelegtem Rotkohl und marinierten Schalotten. Deftig, rustikal – und damit das richtige Rüstzeug für den weiteren Abend.

Die nächste Station – es ist inzwischen gegen Mitternacht – liegt sechs Fußminuten entfernt: Beim ‹Les Gouttes de Dieu› handelt es sich um eine Mischung aus Weinhandel und Bistro. Erst als wir drin sind, bemerken wir, dass hier eine private Geburtstagsfeier im Gange ist – egal, man heißt die Partycrasher herzlich willkommen, zahlen müssen wir nach dem Begrüßungsglas allerdings selbst. Im lauten, engen Trubel kann ich der Kellnerin noch vermitteln, dass es säurearm und elegant sein soll, was zu einem Condrieu eines mir unbekannten Weinguts führt (70 €, sehr gut, nichts weiter notiert).

Ein Snack im Halbdunkel muss auch noch sein: eine wohltuend festfleischige Terrine de campagne vom Landschwein (11 €), dazu Cornichons, die man sich direkt aus einem großen Glas fischt. Etwas Besseres kann ich mir in diesem Moment kaum vorstellen.

Als wir gegen ein Uhr wieder auf der Straße stehen, lautet die rhetorische Frage: zurück ins Hotel oder noch ein Absacker? Da sich in der Gegend keine nennenswerte Cocktailbar befindet, bestellen wir ein Uber …

… und fahren dreizehn Minuten ins ‹Candelaria› im 3. Arrondissement, seit Jahren meine Pariser Lieblingsbar. Für Erstbesucher: Von außen gibt es in der Rue de Saintonge 52 keinerlei Hinweis auf die Bar. Ein Türsteher gewährt Einlass zu einem zu dieser Uhrzeit längst geschlossenen Taco-Laden, durch dessen winzige Besenkammer man in die fensterlose Cocktailbar gelangt.

Wie überall hängt die Finesse der Drinks vom jeweiligen Mixologen ab, und da haben wir diesmal mit unserer irischen Bedienung nicht so großes Glück. Am Ende spielt das keine Rolle. Die Stimmung ist prächtig, der Punkrock-Soundtrack berauschend, der dritte Drink dann auch ein Treffer. Niemals aufgeben. Paris mon amour.

Umfrage

Einfach drauflos oder genau geplant?

 

Das könnte dich auch interessieren