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Genialer Kindergeburtstag in Langen
Wir sagen es vorweg: 2008 wollen wir keine Bilder mehr von einem (ange)streng(t) dreinblickenden Juan Amador sehen, der effektvoll und vermeintlich bedeutungsschwanger hinter waberndem Stickstoff abgelichtet wird. Inzwischen hat sich auch bis zu Tim Mälzer und weiteren Vertretern des gefährlichen Halbwissens herumgesprochen, dass Nitrogenium einen Siedepunkt von minus 196 Grad besitzt und je nach Umgang mehr oder minder gefährlich ist.
Juan Amador wurde in den letzten Jahren mit vielen befremdlichen Beschreibungen bedacht, die letztendlich aus der guten medialen Verwertbarkeit seines alchemistischen Mythos resultieren. Seine herausragende Eigenschaft liegt jedoch weniger in den angewandten (molekularen) Techniken, als vielmehr in seiner genialen Fähigkeit, vordergründig nicht harmonierende Aromen so zu vermählen, dass sich diese wie selbstverständlich zusammen finden.
Vorgeschichte: Polarisierende Guides
Was wäre die Landschaft der Restaurant-Führer ohne Ihre Uneinigkeit und die verbalen Seitenhiebe? Sie verlöre jedweden Reiz und somit vermutlich das Interesse der meisten Gourmets. Was sich jedoch Ende letzten Novembers bei der Vergabe der jährlichen Bewertungen des Gault Millau und des Michelin abspielte, hätte auch unter Mitwirkung eines Regisseurs nicht wirkungsvoller inszeniert werden können.
Entgleisungen sind im zweit-ältesten Nachschlagewerk nichts Neues und die Reihe der ‘Geschädigten’ zählt illustre Namen der deutschen Kulinaristik. Nichtsdestotrotz wird der Unterhaltungswert des Pamphletes aus dem Christian-Verlag von vielen Kunden geschätzt. Juan Amador wird am 12. November des vergangenen Jahres, nach der Veröffentlichung des Guides angesichts folgender Zeilen jedoch wenig Humor aufgebracht haben können:
„Wir haben aber das Gefühl, dass die Küche das Entertainment der Gäste zu stark in den Mittelpunkt stellt. Bei den Tapas und Snacks, wie die zahlreichen Appetithäppchen hier genannt werden, fühlen wir uns eher wie bei einem Kindergeburtstag.“
Für einen Spitzenkoch sicherlich kein leichtes Unterfangen, sich und seine Brigade nach einem deratigen Tiefschlag wieder zu motivieren. Doch es ging noch besser:
”Man sieht vor lauter Feuerwerk die Sterne nicht mehr!”
Dass diese Worte durch das Erscheinen des Guide Michelin zwei Tage später drastisch konterkariert werden würden, hätte sicherlich niemand im Hause GM geahnt. Juan Amador stieg mit der Höchstbewertung von drei Sternen in die ‘hall of fame’ des Guide rouge auf. Soviel zum Sternenhimmel.
Vor diesem Hintergrund machte sich das Sternefresser-Team in das pittoreske Fachwerkhaus im ansonsten eher häßlichen Langen auf, um die Entwicklung von Juan Amor im letzten Jahr zu reflektieren und die von manchem Führer verwendeten Worthülsen kritisch zu hinterfragen …
Das Menu
Tapas – die Spielzeugkiste Szechuan Button “Reset” Gazpacho mit roter beete & joghurt Gänseleber / weintraube / schwarzbrot Vinaigrette „en cocoon“ Strammer max in textur Fish & chips 2007 Gin – Tonic – Limone – “Nitro”

Zu Beginn ein Paukenschlag: über den Sinn eines geschmacklichen ‘Resets’, der Blüte der Szechuan-Kresse, kann man geteilter Meinung sein, allerdings begeistert sie die meisten Ersttäter im Gastraum sichtlich, und verfehlt ihre Wirkung nicht. Eine bessere Vorbereitung auf die Küche Juan Amadors gibt es nicht! An den Tapas lässt sich bereits frühzeitig die Entwicklung erkennen, die der spanische Schwabe und seine Küche in den letzten Jahren vollzogen haben. Unter der Vielzahl an Elementen finden sich keine Ausreißer mehr – handwerklich aber auch kompositorisch ist alles Erlebte ausgereift und durchdacht. Es handelt sich mitnichten um Spielerei, sondern um eine dramaturgisch einmalige und sehr ausgeklügelte Hinführung an das eigentliche Menü.
Nach der elektrisierenden und leicht scharfen Wirkung der Blüte beruhigt die Gazpacho die Geschmacksnerven wieder, in dem sie samtig den gesamten Mundraum mit einer perfekten Dosage Säure ausfüllt. Man fühlt sich wieder ins Gleichgewicht gebracht. Dann ein Spiel mit Temperaturen und Texturen bestehend aus Gänselebereis (mit Abstand das handwerklich und geschmacklich beste der letzten zwei Jahre neben dem von Christian Bau), einer Sphäre (fest/flüssig) aus Weintraube und einem Schwarzbrotkaramell. Die Gesamtharmonie stellt sich mit kalter, zart schmelzender und leicht süßer Gänseleber, der Säure der Weintraube getragen vom Gerüst des Karamells einfach nur wunderbar ein. Die Vinaigrette “en cocoon” ist ein Amador-Klassiker aus einem Gel aus Balsamico und der Pipette mit spanischem Olivenöl eingepackt in Zuckerwattee – letztendlich ein Paradebeispiel der Dekonstrunktion von Aromen. Mit dieser Kreation wird eine Brücke gebaut zu den nachfolgenden eher “salzigen” Elemente, die vom Charakter her die Rolle von kleinen Hauptgerichten spielen. Abgerundet wird das Ganze wieder neutralisierend mit dem Gin-Tonic-Limone-Nitro, einer Hommage an Heston Blumenthal, die mit Stickstoff am Tisch zubereitet wird. Insgesamt handelt es sich bei dieser Einführung um ein Mini-Menü, das in den letzten Jahren perfektioniert wurde.

Dann der Beginn des tatsächlichen Menus. Die Carabineros (mit Blumenkohl und Nougat) setzen den bisherigen Eindruck fort: durch die konsequente Zielfokussierung ist dieses Gericht innerhalb der letzten beiden Jahre mit zum Besten avanciert, was man sich aus einer 3*-Küche wünschen kann. Hervorragende Produktqualität der Carabineros paart sich mit einer Art Couscous von Blumenkohl, in das Nougat klein aber fein gestreut ist.
Gemeinsam mit einem sensationellen Krustentierjus werden alle Sinne angesprochen und es stellt sich eine ungewohnte Art der Glückseligkeit ein. Ergänzt wurden die Komponenten zuletzt durch ein Blumenkohleis, das mit seinem Temperaturunterschied einen willkommenen Kontrapunkt setzt. Schon mit diesem Gericht wird der Anspruch und die Botschaft von Juan Amador deutlich: bestmögliche Qualität mit neuen Aromen zu paaren, so dass der Genießer in keinster Weise überfordert ist, sondern die scheinbar entfernten Aromen wie selbstverständlich hinnimmt und in höchstem Maße genießtem kann. Genau an dieser Stelle tritt ein deutlicher Unterschied zu dem anderen deutschen Avantgardisten Joachim Wissler zutage, dessen sehr intellektuelle Gerichte nur von einer kleinen Minderheit der Esser wirklich verstanden werden.

Danach werden wir mit den falschen Parmesannudeln (mit Trüffel, Jacobsmuscheln & Hühnerbouillon) überrascht. Mithin das beste Gericht der letzten Jahre, das uns erstmalig gegenüber stand. Die Aromen tanzen gleichsam auf der Zunge und alles fügt sich wie selbstverständlich zusammen: Schmelzigkeit der Nudeln, feine kross gebratene St. Jacques, Rückgrat durch Trüffel, sanft umschmeichelt von der Bouillon, die allein schon ein hervorragendes Gericht gegeben hätte. Im Vordergrund stehen die Nudeln, jedoch ohne das Gericht oder gar die Muscheln zu dominieren. Im Gegensatz zu Aduriz (Restaurant Mugaritz), der alle seine Gerichte mit aromatisierten Fonds übergießt (oder besser: ertränkt), wird hier deutlich, dass eine (vermientlich) einfache Bouillon als Grundlage eines großartigen Gerichtes ausreicht.
Mit der Rouget Barbet (mit Spinat, Kaffee & Passionsfrucht) gelangte ein 'alte Bekannte' an unseren Tisch. Noch vor einigen Monaten unter Mithilfe des Protagonisten Glattbutt zelebriert, gefällt diese Kombination aufgrund der Aromatik der Rotbarbe noch besser. Wieder eine kontinuierliche Weiterentwicklung - In search of perfection! Die Rotbarbe kann aufgrund des ausgeprägteren Eigengeschmacks deutlich besser gegen die Süße der Passionsfrucht (als eine Art Mayonaise gereicht) und der Säure der Kaffee Beurre Blanc anstehen.

Die Seezunge (mit Marone, Haselnuß & Entenleber) zeigte das saisonale Einfühlungsvermögen Juan Amadors. Ein Klassiker aus seiner Küche wird neu belebt und durch Variation der Komponenten in den Winter transferiert. Erfreulich das Zusammenspiel auf Augenhöhe zwischen Nussaromen und der vermeintlich zu dezenten Hauptdarstellerin. Dieser Gang passte äußerst gut in die Gesamtdramaturgie, da es den Gast nach dem dreiteiligen Feuerwerk Carabineros-Parmesannudel-Rotbarbe etwas zur Ruhe kommen lässt, ohne dabei einen Einbruch zu erleben.
Das Kalbsbries (mit grünem Apfel, Sauerkraut & Herbstrauch), eine erneute Premiere, wird unter eine Minicloche gereicht, wobei der Herbstrauch (hierfür werden getrocknete Waldblätter verwendet) als Räucheraroma dem Bries eine einzigartige Note verleiht. Mithin ist dieser noch zu dominant, so dass Juan Amador hier eventuell an der Dosierung arbeiten könnte, um nicht die anderen Elemente in den Hintergrund zu drängen.
Als nächstes reichte der Meister eine famose Taube (mit Kokos, Mango und Curry), welche einen durchaus würdigen Höhepunkt darstellte! Von der Produktqualität erinnert die Taube an Klein oder Arzak und hebt sich wie ein kleiner Berg würdig aus der sonst so belanglosen Hauptganglandschaft in Deutschland hervor. Kongenial passt die gelierte Kokosmilch, die von Mango und Curry flankiert, die Taube elegant wie auf sanften Händen trägt. Alles ist vorhanden: Süße, Säure, Textur und die Taube mit ihrem unnachahmlichen Geschmack!
cuvee x
Melonen - Sangria “Nitro”
PfIRSICH Melba 2007
Die Desserts stellen noch immer den Schwachpunkt der Amador’schen Küche dar und somit ist selbst in diesem 3*-Sterne-Haus noch ‚Luft nach oben’ für zukünftige Entwicklung. Es wird primär mit Texturunterschieden gearbeitet, wobei gerade Temperaturen bei Desserts die entsprechenden Akzente setzen könnten.
Spielzeugladen
„Rummelplatzzuckerwatte“ mit Passionsfrucht Weiße Schokolade, Meerrettich & Rote Beete Minze, Schokolade & Karamell Erdnusslollipop mit Maldon-Salz Yoghurette in Texturen Falscher Marzipan Jack Daniels Sour

Insgesamt ein phantastischer Abend, der sich im Schnitt auf 3*-Niveau abspielte, jedoch mit dem erwähnten Aufwärtspotential. Sicherlich zeigt die sehr kreative Küche des Juan Amador mehr Höhen und Tiefen als andere 3*-Kollegen in Deutschland, da jedes Gericht sukzessive optimiert wird. Dadurch ist Innovation innerhalb eines Gerichtes erst möglich und wird in diesem Hause konsequent genutzt. Insgesamt zeugt die Präsentation der Gerichte von immenser Akribie, mit der der Meister die einzelnen Kompositionen weiterentwickelt: nichts ist zufällig auf dem Teller, die Dimensionierung ist wohldurchdacht.

Wie kann man diese wirklich einmalige Handschrift also beschreiben? Der Begriff „molekulare“Küche greift eindeutig zu kurz und wirkt eher verwirrend. Neue Techniken und Aggregatzustände werden außer bei den Tapas sehr dosiert und bewusst eingesetzt, um klassisch aufgebaute Gerichte neu zu interpretieren. Das Hauptaugenmerk liegt aber weniger in der Technik selbst als in einer Fähigkeit, neue Geschmackserlebnisse aus der ungewohnten Kombination von Aromen zu „zaubern“. Diese werden von molekularen Techniken unterstützt und getragen, wodurch sich neue Konsistenzen und intensivere Aromen kreieren lassen. Somit und eben nicht durch Sphären, Airs und Schäume an sich wird Juan Amadors Küche so einzigartig! Zu gerne hätten wir als Kinder einen derart harmonischen und trotzdem unterhaltsamen Geburtstag erlebt!

Doch all dies wäre nicht möglich, würde die vollständige Konzentration auf Juan Amadors Kompositionen nicht durch einen Service erlaubt, der zum unbeschwertesten und gleichzeitig professionellsten gehört, der aktuell in deutschen Landen geboten wird. Rückgrat dieser Leistung ist die omnipäsente Viktoria Amador, die jedwede Situation mit einem bezaubernden Lächeln zu beherrschen weiss.
Fazit: Juan Amador und sein Team haben unseren 3*-TÜV mit Bravour bestanden! Doch nicht nur das – man spürt die elektrisierende, jedoch vom Szechuan Button losgelöste, Aufbruchstimmung im Hause. Wir sind uns sicher, hier werden weiterhin kulinarische Höhen erklommen.
 Die Not macht erfinderisch: seit 2007 sind diese Schilder bei Michelin nicht mehr lieferbar, so dass man sich kurzfristig helfen musste.

Weinbegleitung
Die Eröffnung durch den Meister aller Klassen, einen Champagner aus dem Hause Krug. Wir wählten den Grand Cuvée, dieser wird aus 50 bis 60 Weinen aus bis zu 25 Lagen und sechs bis zehn Jahrgängen verschnitten. Ein großartiger Auftakt, der auch bei einigen Grad Erwärmung im Glas noch viel Freude bereitet.
Zu den Carabineros der 2005er Mantel Blanco Sauvignon Blanc aus der Rueda – ein perfektes Matching. Ein untypischer Sauvignon Blanc, aber dennoch sehr gelungen. Leichte Süße, angenehm eingebundene und präsente Frucht, rund und nicht aufdringlich.
Wunderbar zu den folgenden Gängen passte dann der 2006er Chardonnay & Weißburgunder vom Weingut Knipser aus der Pfalz. Ein etwas kräftigerer Wein, bei dem man etwas den Einsatz von Holz spürte, welches aber trotzdem gut eingebunden war. Nicht zu kräftig, mit guter Länge, schöner Balance und breiter Fülle.
Mit dem Kalbsbries zusammen trafen wir auf den 2005er Weißburgunder Centgrafenberg vom Weingut Fürst in Franken. Hier merkte man zwar ebenfalls den Barrique-Einsatz, was aber nicht störend wirkte. In der Nase etwas Zitrus und ein wenig Holz, im Mund dicht und komplex, angenehmes Verhältnis zwischen Säure und Frucht, gute Länge.
Zur Taube dann der 2003er Paixar von der Boegas Paixar, aus Bierzo. Der Wein besteht zu 100% aus Mencia, einer autochtonen Rebsorte die nur im Bierzo kultiviert wird. Und auch hier erneut das Urteil, einer großartigen Begleitung der Taube. Schöne Frucht, gut eingebundene Tannine, tolle Länge und trotz seiner Jugend sehr gut zu trinken. Eine großartige Empfehlung der kompetenten wie auch attraktiven Sommeliére Lavinia Neumann.
Der 2002er Molino Real von Telmo Rodriguez gab einen fabelhaften Begleiter zum Dessert ab. Mit 100% Moscatel-Beitrag hatte er eine blanke, helle, goldgelbe Farbe. In der Nase etwas kräutrig und dezent nussig. Im Mund eine schöne Süße, etwas würzig und trotz der 13 Volumenprozent einen weichen, harmonischen Abgang.

Profil
Restaurant Amador Vierhäusergasse 1 63225 Langen
Platz 19 der Volkenborn-Rangliste Deutschland (2006: Platz 33, 2007: Platz 22)
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